
ELTERN FÜR GUTE BILDUNG - ECHTER GIPFEL VOR ORT
Am Hochrhein wird eine Verbesserung von Schule konkret und mit allen Akteuren angegangen.
Ein Beitrag von Sebastian Kölsch
Baden-Württemberg spaltet sich zum Beispiel bei der Personalversorgung an Schulen in zwei Gebiete: Städte und ihre Peripherie, die auch bei Lehrkräften beliebte Wohn- und Arbeitsorte sind – und der große Rest. „Ländlicher Raum“ wird dieser Rest gerne genannt und man denkt an Schwarzwald und Alb. Vergessen wird dabei oft der Hochrhein.
Diese Spange zwischen Frankreich und Bodensee verfügt mit Basel und Konstanz zwar über beliebte Agglomerationen, doch liegt die Schweiz vor der Haustür, und jenseits des Rheins winkt ein Gehaltsgefüge, das Lehrkräfte hier nicht erreichen.
Das Einstiegsgehalt liegt je nach Kanton zwischen 78.000 Franken brutto in der Grundschule bis 113.000 Franken brutto im Gymnasium. Diesseits des Rheins ist das Grund-Anfangsgehalt in der Grundschule knapp 50.000 €, im Gymnasium erhält man zum Berufsstart knapp 7.000 € mehr – ebenfalls jeweils brutto im Jahr. Selbst nach Bereinigung von Faktoren wie Grenzgänger-Besteuerung einerseits und Beamtenstatus oder Familienzuschlag andererseits bleibt beim Wohnen in Deutschland und Arbeiten in der Schweiz bei gleicher Qualifikation ein sattes Plus übrig.
Wie macht man Schulen in dieser Region also trotz des vermeintlichen Schlaraffenlandes in Wurfnähe attraktiv? Damit beschäftigen sich seit Jahren die Gesamtelternbeiräte von Weil am Rhein, Lörrach, Grenzach-Wyhlen, Schopf- heim und Rheinfelden; sie luden nun zum
„Hochrhein-Schulgipfel“. Der 29. September 2023 stand dabei unter der Fragestellung: Wie kann Bildung am Hochrhein attraktiver werden? Und alle Involvierten kamen. Schülerinnen und Schüler, Schulleitungen, Bürgermeister und kommunale Bildungsbedienstete, Schulamt und Regierungspräsidium, Landtagsabgeordnete und der Landeselternbeirat waren vor Ort. In drei Workshop-Runden ging es kreativ um den Grundgedanken: Wenn wir an den gesetzlichen Rahmenbedingungen und den äußeren Zwängen vor Ort nichts ändern können – was können wir selbst tun, um Bildung attraktiver zu machen, und was ist das genau, attraktive Bildung? Zum ersten Hochrhein-Schulgipfel unterhielt sich „Schule im Blickpunkt“ mit Frank Grimberg, dem Vorsitzenden des Gesamtelternbeirats Rheinfelden.
Schule im Blickpunkt (SiB): Was hat Sie dazu bewogen, einen Hochrhein-Schulgipfel zu veranstalten?
Grimberg: In den letzten Jahren haben wir immer wieder festgestellt, dass die Herausforderungen in der Bildung für uns in Rheinfelden nicht kleiner wurden – von Lehrkräftemangel über Sanierungsstau zu Digitalisierung und dem „neuen Lernen“. Alleine schon das Angehen des Sanierungsstaus ist komplex und oft fehlt das Geld dazu. Es war deshalb interessant zu erfahren, dass die anderen Kommunen am Hochrhein mit einer sehr ähnlichen Problematik konfrontiert sind. So haben wir Eltern uns dann entschieden eine übergeordnete Struktur zu schaffen, den „GEB Hochrhein“. Mit diesem gemeinsamen Vorgehen erhoffen wir uns, dass wir besser die Herausforderungen im Bildungssystem am Hochrhein adressieren können. In unseren ersten, gemeinsamen Gesprächen mit den diversen Bildungsakteure haben wir festgestellt, dass bilaterale Gespräche zwar praktisch organisierbar sind. Aber dann eben oft „die an- deren“, um wirklich weiterzukommen. So kam die Idee den „Hochrhein-Schulgipfel“ zu organisieren, damit wirklich alle Bildungsakteure mit- einander ins Gespräch kommen können.
SiB: Wie haben die verschiedenen Parteien auf die Idee reagiert?
Grimberg: Das „Testen“ der Idee eines Hochrhein-Schulgipfels mit den diversen Bildungsakteuren gab eine wirklich positive Resonanz, die uns darin bestärkte, die Idee weiter zu verfolgen. Unsere Feststellung ist, dass es für alle Beteiligten klar ist, dass man „die Anderen“ braucht, um die komplexen Zusammenhänge in der Bildung anzugehen. Gleichzeitig gibt es aber das diffuse Empfinden, „der Andere“ wolle vielleicht nur seine eigenen Interessen durchsetzen – es fehlt also an Vertrauen. Aber gemeinsam ins Gespräch zu kommen, fanden alle ein spannendes Format.
SiB: Alle Beteiligten schienen hochmotiviert zu sein. Hat Sie das überrascht?
Grimberg: Es gab schon eine gewisse Unsicherheit, ob das Format des Hochrhein-Schulgipfels gut ankommen würde, weil die Gruppe der 50 Teilnehmenden sehr heterogen war. Aber es war wirklich fantastisch, wie sich alle auf das Format eingelassen haben. Vielleicht war es eben auch dieses Format, das die Energie im Raum entfacht hat: Miteinander reden zu müssen, statt wie bei einer Podiumsdiskussion nur zuzuhören, und zwar mit viel Zeit und in unterschiedlichen Zusammenstellungen, hat zum Erfolg geführt. Persönlich habe ich es wirklich als sehr bereichernd empfunden, wahrzunehmen, dass Gespräche z.B. zwischen einer Schülerin und einem Oberbürgermeister, auf Basis von gegenseitigem Vertrauen und Respekt, auf Augenhöhe stattfanden.
SiB: Sind die Ergebnisse konkret genug? Lässt sich damit „das große Rad“ drehen?
Grimberg: Der „Hochrhein-Schulgipfel“ war das erste Mal, dass die Bildungsakteure am Hochrhein sich in dieser Zusammensetzung getroffen haben. Klar sind die Herausforderungen in der Bildung nach dem Gipfel genau die gleichen wie vor dem Gipfel. Aber es hat sich etwas Entscheidendes geändert: Wir haben miteinander festgestellt, dass wir die Herausforderungen gemeinsam angehen müssen, statt jeder aus seinem eigenen Türmchen heraus. Jetzt gilt es natürlich zu handeln. Aber vielleicht nicht so sehr mit dem Versuch von heute auf morgen das große Ganze zu ändern, sondern auf schlaue Art und Weise, agil und gemeinsam kleine Schritte anzugehen, am besten mit überschaubaren Pilotprojekten. Die Ideen vom Organisieren von Schulfamilien oder vom gemeinsamen Nutzen, der am Hochrhein neu installierten Glasfaser-Infrastruktur mit neuem Rechenzentrum könnte recht bald Ressourcen freischaufeln, die dann wiederum den Lehrkräftemangel lindern können. Ich bin zuversichtlich, dass wir aus diesem Tag ein positives Mindset zum Thema Bildung mitnehmen und konkrete Verbesserungen ab- leiten können. Und wenn wir gemeinsam etwas weniger „jammern“ und dafür etwas mehr „tun“ – dann könnte zusammen Großes entstehen.
SiB: Was war für Sie persönlich das Highlight dieses ersten Hochrhein-Schulgipfels?
Grimberg: Durch die Partizipation, gemeinsames Agieren und dem Willen dazu entsteht eine „Bildungs-Community“, die tatsächlich an einem Strang ziehen kann. „Wir zusammen sind die Bildung“, und mit sehr guter Kommunikation mit allen Beteiligten schultern automatisch alle gemeinsam die notwendige Verantwortung.
SiB: War es eine einmalige Veranstaltung oder ein Auftakt? Wie wollen Sie weitermachen?
Grimberg: Ich sehe unseren Hochrhein-Schulgipfel als den Anfang einer Reise, die wir gemeinsam mit allen Bildungsakteuren gerade angefangen haben. Und ich habe ein klares Bild vor Augen, wo die Reise hingeht: Für mich ist die Vision, dass im Sommer 2035 sich zwei Jugendlichen treffen, und der eine zum anderen sagt, „Was, du gehst am Hochrhein in die Schule?! Da hast du es aber gut!“. Die weitere Initiative zu Folgeveranstaltungen wie dieser muss nicht unbedingt von Eltern kommen. Jetzt, wo alle sich gemeinsam im Boot fühlen, sollte es auch anderen am Herzen liegen weiterzumachen.
SiB: Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg vor Ort!
